Winterdepression von Troll

Man kann die übrig gebliebenen Blätter an beiden Händen abzählen. Die an den Bäumen. Die am Kalender. Die im Schreibblock. Die fetten Zeiten sind vorbei. Dicht gedrängt stehen die Worte beieinander, um ja keinen Raum zu verschenken an das vorherrschende Weiß. Es ist Winter und wenn man aufgrund widriger Wetterverhältnisse lieber im Betonbunker bleibt, beweist einem der Brei auf dem graukarierten Weiss, das man mal wieder an einer hausgemachten Winterdepression erkrankt ist. Scheiße, es ist also wieder soweit. Weihnachten steht vor der Tür.
Begebe mich, geleitet von der blinden Neugier, ins Konsumchaos eines Weihnachtsmarktes. Flüchte ebenso spontan vor der allgegenwärtigen Wolke aus Glühwein- Bratwurst- und Lebkuchendünsten in einen bekannten Elektronikmarkt. Ein statisches Knistern im Raum, Menschen unter Strom..besser, man macht den Kopf zu, sonst bekommt man noch Gedanken an Völkermord. Ethnische Säuberung. Könnte Gott an Weihnachten nicht mal eine kleine Sintflut über Babylon…ach egal, scheiß drauf!
Raus raus raus da und rein in die Bahn. Vom Norden der Stadt in deren Süden, zur wahrscheinlich ältesten Freundin hier.
Zusammengepfercht, beinahe gepresst wie Ölsardinen. Wie sie alle glupschen und BlubbBlubb machen..wie war das gleich mit dem Völkermord?
Nein, ich gründe lieber meine eigene kleine Sekte. Umgebe mich mit orientierungslosen, naiven, verzweifelten oder einfach nur dummen Menschen, die alles glauben, was man ihnen mundgerecht und mit der nötigen Portion Drogen einredet und erfreue mich ihrer Seeligkeit. Amen!
Tim Leary sollte dem Drogenfreund ein Begriff sein, ist es aber leider nicht. Noch heute sieht man Klone des Clowns mit dem Säurekanister um den Globe trotten und Bewusstseinserweiterung verkaufen. „You search for the enlightment? I give it to you! Just follow the light!“
Ah, endlich ein Licht am Ende des Tunnels. Dankbar blickt so mancher Fahrgast der Achterbahn des Lebens ein letztes Mal in die Runde der Reisegefährten, gerührt, und dann Endstation, dieser Zug endet hier! Bitte alle aussteigen! Mal schaun, wies weitergeht…
…im Süden der Stadt, bei der scheinbar ältesten Freundin hier.
Zwei kranke Seelen, die es bis hierher geschafft haben. In die verruchte Großstadt. Dreckig, aber sexy- das sind wir!
Zusammenfassung der Zeit seit unserem letzten Treffen. Sind’s schon wieder 2 Monate? Beinahe schaffen wir eine Selbstreflektion, grad noch so aufgehalten durch chronische Abneigung gegenüber Psychologen. Hey, Preisfrage, was bleibt dem Psycho ohne seine Logie? PsychoNoLogic! Dafür sollte man wirklich ins Gefängnis, scheiß auf die Liebe, die man wie Säure in die Hirne von wehrlosen Menschen schüttet, Dummheit und öffentlicher LSD- Verkauf gehören einfach eingesperrt und noch viel schlimmeres, aber egal, scheiß drauf.
Auf jeden Fall war sie in der Heimat. Berichtet von großen Augen und Ohren bei Erzählungen von liegengebliebenen Gefallenen am Bahnhof SoundSO oder erhängten Hängengebliebenen, denen bei dem schönen Anblick Kopf und Kragen platzten- ohne Reaktion.
Und was machst du da so? fragen sie. Noch gierigerer Blick. Schau, das ist Schaulustig!
Nunja, ich hänge rum, bin immer noch völlig verdrogt und krieg mein Leben grad noch so auf die Reihe..aber passt schon, ne? Ich setze mich in meine Bananenkiste Richtung Panama, Katatonien oder sonstwohin die vernebelte Phantasie mich treibt..
Booaah, krass!
Ja, krasse Scheiße, aber erträglicher Alltag. Wir verstehen uns. Tauschen uns aus. Kennen uns aus in Bernemann’s Garten der blühenden Neurosen. Wir wissen, wie man überlebt. Wir brauchen keine körperliche Wärme, vom Denken wird uns ganz heiß..
Kopfgeficke zur Abhärtung gegen die Welt da draußen. Ein Gehirn wäscht das andere- bis zur Erleuchtung oder der Zerstörung.
Abwarten und Limonengrasteetrinken. Wissen und Macht ausnutzen. Wissen, dass man die LSD- Welle einigermaßen heil überstanden hat, um da weitermachen zu können, wo die Verdrängung angefangen hat. Oder auch nicht. Beruhigendes Sozialsystem, in dem wir leben. Absturz einkalkuliert..
Eine Nacht durchtanzen und zurück in die Kiste.
Wieder im Norden der Stadt, gratwander zwischen Existenzminimum und Cannabispsychose.
Ich werde wahrscheinlich beim psychologischen Gutachten eine Arbeitsunfähigkeit erwirken können.
Ticket to catatonia..
aber nicht sentimental werden, so ist das hier..

Troll, 19. Dezember 2008

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2 Gedanken zu „Winterdepression von Troll

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