Die Sache mit den Erwartungen und der Sicht auf die Dinge

Patsy ist nicht da, auch Der-vom-Deutschen-Theater nicht, ich frage mich, ob mich das enttäuschen soll und verwerfe es. Vielleicht später, wer weiß…

Dafür sind Petra, Smirky und Anton gekommen. Regisseurin Margareta Riefenthaler versucht noch zwei andere Mädchen zu erreichen, aber die gehen nicht ans Handy, also bleibt es bei der Besetzung von drei Leuten, bis die Tür aufgeht und ein Hauch von einem Mädchen hereinweht, in Begleitung eines hoch aufgeschossenen Jungen, der dem Mädchen den Rücken stärkt. Es hat irgendein Problem, ich kann es akustisch nicht richtig verstehen, und will auch nicht wie eine Hyäne  rufen: „Sprich lauter! Ich brauch‘ das fürs Protokoll!“, aber es geht wohl unter anderem darum, dass es seine Sachen von hier nach da transportieren muss und deswegen kann es, sagt es, jetzt nicht an der Probe teilnehmen. Aber es hat Hunger und braucht einen Fahrschein, und Margareta sagt, Essen und Fahrschein bekommst du, wenn du mitmachst, zumindest ein bisschen.

Es macht mit. Er macht auch mit. Er macht sogar recht ausdrucksstark mit. Und humorig, satirisch. Ein paar Mal lache ich auf. Er schaut überrascht drein, ähnlich, wie auch dem Mädchen Überraschung im Gesicht steht, als es etwas Lustiges fragt und ich kicher, und ich denke, Mensch, sind die solche Reaktionen gar nicht gewöhnt, etwa? Was kriegen die denn sonst für Resonanz? Einen Moment später merke ich, dass mein Staunen nicht nur sie sondern auch mich selbst betrifft, da ich erstaunlicherweise überrascht bin, keine Exoten vorzufinden, keine wilden Tiere, keine Aliens, sondern Menschen, die so auf mich wirken, dass ich mich frage

was

zum

Henker

hat

die

auf

die

Straße

gebracht?

Und als ich ganz am Ende frage, ob ich Bilder von ihnen ins Internet stellen darf, vielleicht wäre es ihnen ja irgendwann nicht mehr recht, als „Der oder die von der Straße“ betrachtet zu werden, und Anton sagt „Nö, wieso, dann sage ich halt, Ja, so asimäßig war ich früher, aber heute bin ich anders“, fehlt mir für „asimäßig“ das Verständnis – wieso asi, Asi, asozial – was hat das mit diesen, vor mir stehenden, Kids zu tun?

Schon als sie während der Pause Fragebögen ausfüllten, welche Drogen sie nehmen und wie oft, ob sie anschaffen gehen oder nicht, saß ich wie vom Donner gerührt daneben und dachte, ich krieg das nicht zusammen. Ich versteh das nicht – das sind doch Petra, Smirky, Anton, das Mädchen und der Junge! Was haben die denn mit Drogen oder Prostitution zu tun?

Petra, zum Beispiel, ist ein höflich und zurückhaltend lächelndes , zartes Geschöpf. Könnte auch eine Hanseatentochter sein. Hat Schwierigkeiten, auf Kommando Druck zu entwickeln, wie es ihre Rolle an einer Stelle erfordert. Wir proben es zig mal, mit der Zeit wird sie kraftvoller, aber richtig druckvoll zu sein, das ist erstmal nicht ihr Ding. Liegt vielleicht auch daran, dass sie sowieso gar nicht weiß, ob sie wirklich mitmachen will, das hier ist gerade für sie ein Test, und ich denke: Mach das. Wirklich. Entscheide dich dafür. Ich bin sicher, es bringt dir was. Und ich hoffe, du siehst das auch so und jetzt hör doch mal auf zu piepsen! Aber sie sieht sich noch nicht so. So… so….. energisch. So…. so…. „zu viel“.

Smirky ist da ganz anders. Pragmatisch, souverän, anpackend, und geradezu mütterlich sorgend versucht sie Petra zu unterstützen. Mach doch mal so, oder so, was hilft dir? Füllt ihre eigene Rolle auf Anhieb treffsicher aus. Hat Menschentypen von der Straße aus ganz offensichtlich gut beobachtet. Um sie und ihr gutes Auge muss man sich keine Sorgen machen. Oder etwa doch – ?

Anton halte ich zunächst für einen Praktikanten oder Angestellten bei KuB, er könnte aber auch Schauspielschüler sein. Margareta erklärt, dass Anton schon mehrfach beim Theater dabei war, anfangs als hoffnungsloser Fall galt, ich sage nee, sie sagt doch, ich sage nee!, sie sagt doch!, und Anton grinst, während er wie der geborene Schauspieler mit Stimme und Bewegung experimentiert. „Bewegungsmüll“ produziert, wie es in der Fachsprache heißt, und womit gemeint ist, dass man, wenn man eine gute Sache produzieren will, zunächst hundert schlechte Skizzen versuchen muss. Vor vielen Jahren habe ich mal eine Musicalschule zwecks Recherche für einen Film über sechs Wochen hinweg besucht, und heute kann ich keinen Unterschied zwischen Anton und den Eleven von damals feststellen. Deswegen ist Margareta auch ungebrochen optimistisch, dass wir noch ein ähnliches Wunder mit Petra erleben werden. Das wird schon noch. Aller Anfang ist schwer.

Margareta ist sowieso in ihrem Element. Tanzt, und biegt sich, und erklärt, mit leuchtenden Augen, wie eine engagierte Elfe. Wir setzen uns, sie singt, zeigt uns, wie man singt, jedenfalls ein bisschen, wir singen mit, Anton hört die Töne chronisch eine Tonlage zu tief, Petra trifft jeden mühelos, die Talente gleichen sich aus. Und wir lachen viel. Ja, wir lachen sogar sehr viel. Über uns. Weil jeder manchmal so komische Dinge macht, die keiner auf Anhieb versteht.

Christine Brügge

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