Woyzeck, also

Gestern auf gut Glück hingefahren. Petra nicht da. Das andere Mädchen auch nicht. Die Idee, Theater-Teilnehmerin fürs Portrait zu nehmen, sowieso verworfen. Trotzdem tausend Bilder gemacht.

Von Anton und Smirky und Margareta und Robert und Waltraud und dem Koch, und Anton hat ein Bild von Spike gemacht, der früher schon gespielt hat und jetzt auch wieder dabei ist, und das ist so ziemlich das einzig brauchbare Foto, das entstanden ist:

Hier trotzdem noch eines von der Situation am Kochtresen, der in dem großen Raum steht, in dem geprobt wird, mit wunderschönem Fokus aufs Besteck, während Anton mit Hut auf dem Kopf mit der ehrenamtlichen Mitarbeiterin Waltraud ohne Hut auf dem Kopf im Gespräch ist:

Nachdem ich KuB abfotografiert hatte, ging ich in den Tiergarten, um genau das Gesicht zu suchen, das ich brauchte. Weil schönes Wetter war, war dort auch mächtig viel los und nach einer halben Stunde lief mir Alison aus Australien über den Weg, mit genau dem Gesicht, das ich brauchte.  Bereitwillig schenkte sie sich mir als Motiv, und es sind auch wirklich, wirklich, wirklich schöne Bilder geworden, aber ich kann sie trotzdem nicht verwenden, weil das so ist.  Es liegt nicht an ihr, es liegt nicht an mir, oder der Kamera, es liegt an ‚Passt nicht‘.  Zwar habe ich noch bis in die tiefe Nacht hinein versucht, passend zu machen, was nicht passt, immer wieder ihr Gesicht in der Grafik hin und her geschoben, groß oder klein gezogen, stilisiert, ge- und wieder entfärbt, und um 2 Uhr morgens gesagt: Alison, es soll nicht sein.

Nur sehr schwer habe ich mich von ihr und der Gestaltungs-Idee getrennt. Und überhaupt ist die Anlehnung an Woyzeck ein eher uneinfaches Thema. Woyzeck – das ist spätestens seit Klaus Kinski irgendwie immer Kinski. Vielleicht bilde ich es mir ein, aber ich habe den Eindruck, dass sogar das kleinste Theater eine Art Haus-Klaus hat, den es für Woyzeck auf die Bühne schickt. Markanter Schädel, blond, schüttere Frisur. Und spätestens seit Woyzeck steht Klaus Kinski fürs Verrücktsein. Ist ja auch richtig, genau das steckt in dem Stück drin, jedoch nicht das Verrücktsein ohne Entwicklung, sondern die Entwicklung hin zum Verrücktwerden. Bei der Assoziation Kinski aber hat es so etwas Statisches, ‚vollkomplett plemmplemm‘, seit immer schon und für immer, deswegen möchte ich ungern etwas machen, das dort anknüpft.

Woyzeck, also. Dachte ich zum xtenMal. Wie das bildlich umsetzen? Wer kennt die Grundaussage von Woyzeck überhaupt noch, der die dreizehnte Klasse nicht gerade gestern absolvierte? Ein Freund schrieb mir dazu in einer Mail:

„Theater – und das Drama im Speziellen – ist nicht wirklich ein Gebiet, auf dem ich mich auskenne.  Zwar war mir Woyzeck als Titel nicht neu, aber eine Ahnung von der Handlung und Wirkung des Werks hatte ich nicht.

Also habe ich mich ein wenig schlauer gelesen.  Oiweh Woyzeck.  Mit diesem Stück ist vieles (und für manche gar alles?) möglich, nicht wahr?  Ich sehe die Brisanz, die seit der Niederschrift sicher nichts an Dringlichkeit eingebüßt hat. Ich sehe die Bedeutung, ich erkenne den Ursprung, nachdem ich mich auch ein wenig über Büchner informiert habe.  Ich sehe den Reiz für eine jugendliche Theatergruppe, aber ich habe Angst vor dem Resultat, wenn ich ehrlich bin.  Der Empfindsame, der sich am Rande der Gesellschaft sieht, erkennt in dem Stück vielleicht eine andere Botschaft als der, der von Büchners Aussage wachgerüttelt wird, der sich (hoffentlich) für die Menschlichkeit in der Welt einsetzen will und dies nach Büchners Willen soll.
Den Woyzecks unter uns stellt sich aus meiner Sicht kaum eine andere Perspektive als das Schicksal des Woyzecks im Stück.  Wie auch immer ihre Ausprägung in der Realität geartet sein mag.
Nun ist das Stück ein Fragment, das habe ich verstanden – und als solches ist es ohnehin schon in jeder Interpretation sehr frei.  Wenn es Ausgangspunkt für ein neues Projekt ist, mag der Nutzen auf Seiten der Woyzecks zu finden sein. Natürlich wäre mir das lieb.  Büchner und sein Werk in seiner Zeit fordern die Gesellschaft auf, Raum für das Individuum zu schaffen – und seither ist die Welt eine andere geworden.  Nicht alle Probleme sind aus dieser Welt entfernt, aber aus meiner Sicht hat sich für die am Rande der gewandelten Gesellschaft nicht viel verändert:  Der Wandel vollzog sich im Kern, und noch immer warten die Woyzecks in ihrer bildhaften Empfindsamkeit in der Peripherie auf einen Weg zum Mittelpunkt.  Der oft geäußerte Wunsch, in der Einsamkeit leben und daraus schöpfen zu wollen – ist das nicht schlicht eine Schutzbehauptung, um sich die Haltlosigkeit der unabdingbaren eigenen Situation vom Hals zu halten?
Wir können uns unsere Andersartigkeit, die Wandelbarkeit (und ich meine damit die Beweglichkeit im geistigen Raum, als wandelten wir durch tatsächliche Landschaften) als Geschenk erklären, aber können wir uns dem verschließen, was im Grunde in aller Menschlichkeit ruht:  Der Geborgenheit der Gemeinschaft?  Es tut weh, wenn sie uns verschlossen bleibt, und den meisten von uns bleibt sie aufgrund mangelnder Anerkennung doch verschlossen – außer den Großen, die von der Gesellschaft als Errungenschaft und Zeichen ihrer Kultiviertheit gefeiert werden.“
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Darin sind viele Hinweise enthalten, die man bildlich umsetzen könnte, aber.
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Ach, Margareta. Das Thema ist so gut, aber bitte schreib ein anderes Stück, sonst muss ich wegen des Plakates  irre werden.
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Christine Brügge
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