Die nachgeholte Ach-so-dann-kann-ich-verstehen-wieso-du-ihn-nicht-zusammengeschlagen-hast-Schubladen-Fighting-Blockade

Als ich das erste Mal bei KuB war, saß ich anschließend eine halbe Stunde im Auto, starrte vor mich hin, versuchte alles einzusortieren, kämpfte mit meinen Wertesystem-Schubladen, auf der Heimfahrt baute ich zwei Beinahe-Unfälle. Die vorletzte Woche hatte eine ähnliche Wirkung. Ein Grund von zweien, weshalb ich erst jetzt dazu komme, über sie zu schreiben.

Besetzungsliste diesmal: Petra nicht da, Anton nicht da, Smirky nicht da. Das Mädchen und Der Junge nicht da. Dafür 3 neue Jungs. Georg, Martin, Nick. 4 neue Jungs. Denn kurze Zeit später trifft Walter ein.* Spike ist ganz raus. Es scheint hierarchische Probleme innerhalb der Szene zu geben und fehlende Deckungsgleichheit, was ‚Die Wahrheit‘ betrifft. Außerdem ist er dem Gesetz nach kein Jugendlicher mehr.

Margareta erklärt den neuen Teilnehmern das Stück. Nachfolgend probt sie mit den Jungs eine Szene, in der sie jemanden bedrohlich umkreisen und treten sollen. Smirky trifft plötzlich doch noch ein, hatte zuvor, wie sie sagt, Bewerbungen geschrieben. Die vier Jungs versuchen also auf Geheiß zu kreisen und zu treten, aber sie schluppen, schlurfen, trippeln wie eine Teletubbie-Gesellschaft unter dem Einfluss von Bananenmilch. Gerade, als ich mich mit mir selbst einige, dass meine Straßenkid-Phantasien offenbar reine Phantasien sind, die Jungs viel zu normal wirken, um die wüste Fürchtet-euch-vor-den-Kindern-vom-Alexanderplatz-Vermutung zu bestätigen, höre ich, wie Smirky in der Pause freundlich zu Walter sagt: „Ach so, ja, dann kann ich verstehen, dass du ihn nicht zusammengeschlagen hast.“, als würde sie formvollendet ladylike einer Nachbarin einer Einzelhausbebauungssiedlung feedbacken: „Ja, die Anemonen, die bereiten mir auch immer Kopfzerbrechen, ich habe in diesem Jahr einfach Geranien gepflanzt.“. Dann zeigt sie mal kurz, wie das bei ihr so aussieht, wenn sie jemanden zusammenschlägt. Ein Wortwechsel folgt, der das semantische Bild der Teletubbies zu einem von Mafia-Bossen umbaut. Schreib bloß nichts Falsches in dieses Blog, denke ich.

„Und? Wie läuft das Blog?“, fragt Smirky, schnappt sich meine Kamera, verändert Einstellungen, erklärt mir, weshalb und dass das gut ist, macht ambitioniert Bilder. Walter, der darauf verzichtet hat, jemanden zusammenzuschlagen, grübelt noch über dem Fragebogen: „Warum bin ich auf der Straße? Hmm. Also, bei mir ist das eine Mischung. Ich wurde rausgeschmissen, bin aber auch abgehauen. Was kreuze ich denn jetzt bloß an?“

Ein paar Minuten später rauscht Das Mädchen herein, verkündet Margareta, es würde an den Proben nicht weiter teilnehmen, auch nicht an der Aufführung, wolle aber die Gage. Es folgt ein Dialog, der auf gegenseitigen Vorwürfen basiert. Margareta reagiert unwirsch, ich finde sie nicht nachvollziehbar unwirsch, finde das Mädchen ob Margaretas Forschheit sogar bemitleidenswert, frage, kann es sein, dass ihr aneinander vorbei redet, das Mädchen sagt, ja, weil Margareta und so, und außerdem habe es noch seine eigenen Gründe, aber diese gingen mich nichts an. Nase raus aus seinem Leben! Seine Bambiaugen funkeln abwehrend. Margareta springt auf, zahlt ihm die Gage aus, das Mädchen rauscht hinfort. Ja-ha. Sagt Margareta. Sie könne es erklären. Das Mädchen könne seine wahren Motive nicht nennen, weil es keine wahren habe, und es ihm nur darum gehe, die Gage abzukassieren. Robert tritt auf. Bespricht mit Margareta die Richtigkeit der Auszahlung. Robert nickt ab und tritt ab. Nick erzählt, er sei seit 9 Jahren mit seiner Freundin liiert.

Mitarbeiterin Wilma betritt den Raum, sagt, Das Mädchen sei zurzeit sowieso von der Rolle, es habe einen neuen Freund, und wolle nun lediglich knutschen und seufzen. Ich finde das einleuchtend. Der Rest sind Fragen.

Wie kann es sein, dass jemand in der Realität vermöbeln kann, dies aber nicht spielen?

Soll man die Real-Vermöbelei überhaupt unter ‚Gewalt‘ bzw. ‚Gewaltbereitschaft‘ verbuchen, oder handelt es sich dabei eher um eine kausal bedingte Selbstverteidigung? Als ich beim ersten KuB-Besuch mit einem jungen, auf der Straße lebenden Krankenpfleger sprach, der sich in den Räumen einfand, um sich ein warmes Essen abzuholen, erzählte er mir etwas, das Margareta bestätigte: Straßenkids neigen nicht per se zu Gewalt, es handelt sich eher um Notwehr, weil sie auf der Straße angegriffen werden. Sie haben dort keinen Schutzraum, wie der Normalbürger, der in seine Wohnung geht und die Tür abschließt. (O-Ton Margareta: „Bevor sie dir etwas tun, tun sie eher sich selbst etwas an.“) Ein Grund von dreien, warum viele von ihnen mindestens einen Hund haben. Die anderen beiden Gründe sind Liebe und Geld. Wir Normalbürger geben es eher einem Schnorrer mit Hund, als einem ohne. Ich finde, das wirft ein nachdenkenswertes Licht auf uns. Und Liebe, ja, die geben sich die Kids untereinander so weit es geht, aber es geht oft gar nicht so weit, weil beispielsweise Bindungsstörungen die Grenzen eng halten. Stabile Beziehung – das ist etwas, das sie nicht gelernt haben.

Was soll man eigentlich von dem Wahrheits-Unwahrheits-Gefüge halten? Immer wieder nehme ich bei den Kids eine Offenheit und Ehrlichkeit in Bereichen wahr, in denen der Normalbürger alles tut, um zu kaschieren, zu verniedlichen, zu überhöhen, zu zerstreuen, zu leugnen. Wo wir unseren Maskenball tanzen, reden sie Tacheless. An anderer Stelle wird getrickst. Unterm Strich scheint es auf eine pure Verschiebung hinauszulaufen. Jeder muss sehen, wo er bleibt. Dass diese Verschiebung so gravierende Folgen hat, dass der Eine mittanzen kann und ein Bett im Warmen hat, während der Andere aus der Reihe tanzt, und deswegen in leer stehenden Häusern friert, finde ich schwer zu fassen. Zudem manche Kids (in Deutschland sollen es insgesamt rund 9000 sein) nicht weit entfernt von den üblichen Relationen sind. Es gibt sie ja nicht, ‚Die Straßenkids‘, genauso wie es ‚Den Normalbürger‘ nicht gibt. Es gibt nur Variablen, Systeme, Muster, Abstufungen, und zwischen den beiden Lebensformen ‚Straße, nicht Straße‘ verläuft eine haarfeine Grenze. Manche rutschen beim Balanceakt ab. Für eine Sekunde nicht aufgepasst, an entscheidender Stelle gepatzt und als junges Wesen in eine Dynamik geraten, die für das junge Wesen kaum zu überblicken ist. Dann stehen wir da und sagen: Ändere doch mal dein Verhalten, dann ist das Ergebnis ein anderes. Aber wie soll man etwas als ‚besser‘ erkennen, wenn sich das vermeintlich Bessere bislang als das Schlechtere zeigte? Stichwort Herkunftsfamilie. Stichwort Soziale Beziehungen, die eben nicht hielten, was sie versprachen. Stichwort andere Prägungen.

Einige der Kids haben es trotz ihrer Umstände geschafft, sich ein enormes Wissen anzueignen. Wie haben sie das gemacht? Und warum?

Mit welchem Recht berichte ich derart über ‚Die Straßenkids‘? Allein der Begriff scheint mir schon diskussionswürdig zu sein.

Ein Auszug. Tausend Fragen mehr. Haben mich über die Woche hinweg gelähmt. Ich wusste nicht, was ich wie schreiben könne. Wie journalistisch oder frei darf, kann, muss es sein? Zudem hatte ich den unangenehmen Eindruck, dieses Blog mit meiner Person zu überschwemmen. (Kids! Schreibt doch mal wieder selbst etwas!) Gelöst wurde die Blockade, als ich den Film „Der Solist“ sah. Und dachte: Es ist okay. Es so zu erzählen. Cause there is no finished line.

Christine Brügge

P.S.: Meine Theorie „Potentiale, die bereits entfaltet sind, lassen sich übertragen“ war in ihrer Absolutheit übrigens falsch.

P.P.S.: Die Jungs haben sich gesteigert! Das wird noch!

* (Namen geändert)

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Ein Gedanke zu „Die nachgeholte Ach-so-dann-kann-ich-verstehen-wieso-du-ihn-nicht-zusammengeschlagen-hast-Schubladen-Fighting-Blockade

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