Ach, du bist Halb-Kurde? Dann spiel doch den Türken!

Die Truppe findet sich allmählich und ich hoffe, diesen Satz nicht wieder streichen zu müssen. Beim letzten Mal dabei: Georg, Nick, Martin, Desiree, Nina. Und ein Mädchen, das wollen tät, aber nicht können kann, weil es im siebten Monat schwanger ist und sein Kind ungern vor Publikum entbinden würde.

Ein Anruf von Mero trifft ein, der ausrichten lässt, man müsse auf ihn verzichten, er säße auf dem Polizeipräsidium, sei überfallen worden. Kurze Zeit später drängt  Linus durch die Tür, lässt sich auf die Eckbank fallen. Hängt am Tisch wie tot von der Wäscheleine. „Was ist los?“, ruft Margareta. Benommen hebt er den Kopf, ruft empört vor lauter Selbstanklage: „Ich bin betrunken!“ Grund: Er ist auf der Flucht vor der Polizei, hat jemanden angreifend geschlagen. „Das ist ja blöd“, sagt Margareta. „Gerade aus dem Knast gekommen, das könnte ihn gleich wieder zurückbringen.“ Und murmelt: „Dabei ist er so talentiert, ich hätte ihn so gerne dabei.“ Und schon ist meine neuste Theorie „Es ist doch nur Notwehr, tschiep tschiep, keine Gewalt“ über den Haufen. Abzusehen, dass das noch öfter passieren wird.

Eigentlich waren wir gerade dabei, die dritte Fassung der ersten Szene zu üben. Für die Kids ist es zunächst verwirrend. „Beim letzten Mal hast du gesagt, wir machen das so und es sei schon perfekt, und jetzt sagst du was anderes!“. Für sie ist es „Absprache gebrochen!“. Und „Heute Hüh, morgen Hott“.

Tür auf. Charlie kommt herein. Desiree und Nina spielen Akkordeon und Geige. Martin baut sich eine Monstertüte. Als sieben Feuerzeuge klicken und der Joint entzündet wird, verlasse ich röchelnd den Raum und schaue durch die offen stehende Tür zu. „Sag mal“, haue ich Robert an, „Kann man das Rauchen vielleicht auf die Pause reduzieren?“. Nein, kann man nicht. Die Niedrigschwelligkeit des KuB-Programmes wäre in Gefahr. Oder die Teilnehmer würden nur noch vor der Tür stehen und qualmen. „Ich habe schon ganze Proben mit einem Halstuch vor dem Mund verbracht“, sagt Margareta, „weil einer so gestunken hat, dass es nicht auszuhalten war.“ Manche waschen sich nicht oft genug, betrachten ihren Geruch als Identitätsbeweis, und ich bin dankbar, bislang davon verschont zu sein.

Weiter mit der dritten Fassung der ersten Szene. Die nicht nur dem kreativen Prozess geschuldet ist, sondern auch einem Erfahrungswert. Margareta: „Erst wenn sich die Gruppe zu stabilisieren beginnt, sehe ich, wer welche Begabungen hat und kann festzurren.“ Georg und Nick tanzen Walzer. Desiree und Nina quetschen die Kommode und fideln. Eins zwei drei, eins zwei drei. Martin hat der Joint offenbar nicht geschadet. Wenn solche Vergleiche nicht so albern wären, und zu dieser jungen Stunde arg verfrüht, würde ich von „Patrick Swayze“ faseln. Zumindest sage ich ihm, wie viel Bewegungstalent er hat, wovon er nichts wissen will. Quatsch! Doch, wirklich. Quatsch! Es gerät zu einem typischen „Hier ist mein Geschenk“ – „Och-nicht-doch-doch“-Abtausch. Charlie, der vom Tisch aus beobachtet hat, lacht auf. „So viel Lob und Komplimente auf einmal bist du gar nicht gewöhnt, was?!“ Nagel auf den Kopf. Ich finde sowieso, den können wir gebrauchen.

„Willst du nicht mitmachen?“
„Nö. Warum sollte ich.“
„Es gibt Gage und warmes Essen“, erinnere ich mich an Patsys Anweisung.
Er zuckt die Schultern.
„Wir brauchen noch mehr pfiffige Leute“, lege ich nach.
Schulterzucken. „Ich hab Nein gesagt!“, tackert er entschlossen seine Grenze fest.
„Und ich habe einfach gefragt, das darf ich auch!“, tacker ich an meiner herum.
Wir stieren uns an.
„Du bist so ein toller Macho“, sagt Margareta, „Du würdest so gut den Achmed spielen können. Woher stammt eigentlich dein Akzent?“
„Ich bin Halb-Kurde.“
„Ach, dann bist du doch perfekt für den Türken!“, jubiliert Margareta, ich halte die Luft an, zähle bis fünf, Charlie macht „Mch“, kein Lachen, kein Schmunzeln, sondern das halb nachsichtige, halb kopfschüttelnde Mch.
Und dann passiert das, was mir einen Eimer Seligkeit ins Herz kippt: Desiree sagt: „Es bringt Spaß!“
Er schaut sie an.
„Ja!“, bekräftigt sie, die übrigens Studienplatzanwärterin für Rehabilitation ist.
Kann es etwas Schöneres geben, als wenn ein Teilnehmer mit offener Sympathiebekundung einen potentiellen anwirbt?
Charlie ist jetzt Achmed.

Christine Brügge

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s