„Sie haben den nächsten Level erreicht“

„Einer trage des anderen Last“ heißt es im Neuen Testament. Smirki ist also froh, dass Ella ihr die ‚Lisa‘ abnimmt und ich bin froh, dass mir Smirki einen Teil der Berichterstattung abnimmt. Und ich will nochmal versuchen, die Probe vom letzten Freitag aus meiner Perspektive zu erzählen, was chronologisch ein wenig verrückt ist, aber so ist das Leben.

Verwundert bin ich über Sandys  Einsätze. Drei Mal habe ich sie erlebt und zwei Mal kam sie erst zwanzig Minuten vor Schluss hinzu. Aß, trank, und machte nur noch ein bisschen mit. Beim letzten Mal lag sie mehr oder weniger durchgehend im Ruheraum. Hatte was, lehnte aber ab zu sagen, was sie hat. Funkelte mich böse an, als ich fragte, was es sei. Ich fand das ein bisschen…. Aber vielleicht waren es nur unglückliche Zufälle und eigentlich ist sie voll dabei.

In Ermangelung eines Jugendlichen mit türkischem oder halb-kurdischem Hintergrund übernahm Nick den ‚Achmed‘. Seine Akzent-Imitate lösten ungehemmten Frohsinn aus. Und während wir lachten (mit ihm, nicht über ihn), hatte er alle Hände voll zu tun. Auf die Bewegungen achten, den Text erinnern, in Interaktion mit ‚Lisa‘ sein, und obendrein „Seh isch rischisch? Woas mach so schöne Mädsche hier?“ Auch sehr erheiternd: Als er mit Smirki, die mit Aldi-Tüten als Requisiten-Ersatz behängt wurde, durch den Raum tänzelte.

Die Tüten-Situation war für Smirki wohl ähnlich wie die Schal-Situation: „Ich hab so ein Ding in der Hand und nun?“ Margareta hat eine bestimmte Figurenabfolge im Kopf und auch wenn sie freistellt, es anders zu machen, „halt einfach mal drauflos zu machen“, möchte sie am Ende doch, dass es ganz frei so gemacht wird, wie sie es sich ganz frei so denkt. Nach dem Motto: „Rate mal, was ich nicht vorschreibe, aber unbedingt haben will.“ Das kann schon mal verwirrend sein. Das Ulkige: Diese spezielle Margareta-Methode funktioniert! Wie Anton nach Ende der Probe erzählt, als wir mit Waltraud Tische-sauber-machen und Gläser-in-den-Spüler-räumen: „Das kriegt die hin. Margareta kann man blind vertrauen. Die schafft das.“

Zurück zur Probe, denn wir sind ja noch nicht am Ende, aber wir bleiben bei Margareta:
„Wie alt mag sie sein?“, fragen wir uns, also Anton und Waltraud und ich, während wir Tische abräumen und Gläser spülen, Pardon, jetzt sind wir doch schon wieder am Ende.
„So alt wie ich“, mutmaßt Waltraud, „vielleicht ein bisschen jünger? Ich bin Mitte Sechzig.“
Anton: „Die wirkt wie einundzwanzig.“
Wir nicken.
Denn Margareta ist das Paradebeispiel für jemanden, der im Kopf jung geblieben ist, und der beste Beweis dafür, dass es Menschen gibt, die sich mit Sport und Bewegung so fit halten können, dass dreizehnjährigen Hormonbomben das Kaugummi aus dem Mund fällt. Wenn sie vormacht, was sie ’so in etwa‘ aber ‚ganz genau so‘ haben will, aggressive Tritte nachahmt oder Aldi-Tüten-durch-die-Luft-ziehend durch den Raum hoppst, habe ich das Körpergefühl eines gehbehinderten Elefanten.
Bislang gibt es nur einen, der es diesbezüglich mit ihr aufnehmen kann, und das ist unser Patrick Swayze, unser Panther, Martin, und damit bin ich jetzt gottseidank wieder mitten in der Probe:

Martin. Gesetz den Fall, dass er nicht auf Speed oder Ähnlichem ist, gesetz den Fall, dass das Martin pur ist, dann müsste man ihn morgens drei Stunden aufs Laufband schicken, anschließend einen Ozean durchqueren und fünf Stunden boxen lassen, damit er danach zumindest annähernd das Energieniveau eines halbwegs normalen Menschen hat. Der Typ ist ein Kraftwerk. Falsch: Der Typ könnte zwanzig Kraftwerke versorgen. ICH WILL EIN SPORTSTUDIUM FÜR IHN – SOFORT ! Als er mit Smirki die Lisa-Philipp-Szene probt, entwickeln die beiden eine Intensität, dass wir den Atem anhalten.

Anton hat in der Zwischenzeit zirka 100 Fotos gemacht. (Die aufgrund der schwierigen Lichtverhältnisse und der Tatsache, dass die ‚Objekte‘ ständig in Bewegung sind, ihren ganz eigenen Charme haben, den ‚KuB-Underground-Garage-Touch‘.) Hatte nur einen kurzen Einsatz, den er aber sehr gut meisterte. Insgesamt waren sie an diesem Tag alle „drauf“, wie unsere Regisseurin zu sagen pflegt.

Ich hatte übrigens den Eindruck, dass wir eine neue Ebene erreicht haben.
Anfangen, einander zu vertrauen und uns mehr zu öffnen. Sogar meine Hündin. Früher folgte sie mir auf Schritt und Tritt. Letzten Freitag blieb sie ohne mich im Raum, wenn ich auf den Ort mit den drei Buchstaben huschte. Den ich mittlerweile selbstverständlich nutze, ohne einen inneren Schreikrampf zu bekommen, weil man dafür einen extra Schlüssel haben muss, weil die Tür des Betreuer-Klo’s als einzige abschließbar ist, weil die anderen es nicht sein dürfen, weil weil weil man sofort an Kids herankommen muss, die unter Drogeneinfluss zusammenbrechen, weswegen an den Wänden Aufforderungen hängen, sich bitte wirklich gründlich die Hände zu waschen, damit keine Krankheiten übertragen werden, was mich bei den vorangegangenen Proben immer wieder fragen ließ, wieso ich verdammt nochmal nicht zahnlosen Greisen harmlose Märchen vorlese, sondern mich stattdessen an einem Brennpunkt in Berlin-Mitte befinde ?!

Aber wir gewöhnen uns allmählich.
Die jung- und freigeistige Margareta mit dem komischen Ösi-Akzent, die aufmerksame und gute Seele Waltraud, der bunte Haufen Kids und Ich-starre-Euch-erst-an-und-dann-schreib-ich-über-Euch-Ich.
Und als ich mit Waltraud und Anton nach der Probe Tische abräume und Gläser spüle, wir gemeinsam zum Bahnhof zuckeln, reden, bei der Bahnhofsmission eine Tüte Brötchen abgeben, die bei uns übrig geblieben sind, möchte ich in genau diesem Moment an keinem anderen Ort der Welt sein.

Christine Brügge

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2 Gedanken zu „„Sie haben den nächsten Level erreicht“

  1. Hallo es war sehr nett den Text zu lesen weil a. Der Text sehr schön, mit dieser gewissen Art Sarkasmus die ich mag, geschrieben ist man bekommt gut und schnell den Eindruck was für eine Art Arbeit und was für eine Arbeit euch eure Arbeit macht. Ich selbst arbeite in einem jugendzenter ok gegenüber eurer Location ist mein zehnter wirklich mit zahnlosen greisen und kleinen katzenbabys zu vergleichen aber auch meine jugendlichen haben so ihre Probleme aber wir helfen ja unseren jugendlichen so gern achja wenn sie dann mit kleinen Schritten näher kommen auf dem Boden schauen und fragen was man tun kann wenn man jemanden doch so liebt…und nicht weiß wie man es der Person sagen soll. achja süss die kleinen

    Achja und b. Weil das Format dieser Seite so ausgezeichnet auf mein Handy passt ^^ ist das extra fürs Smart Telefon konzeptioniert?

    Das ließt sich so super

    So muss aussteigen meine Bahn, und somit auch ich, sind an ihrem Ziel angekommen

  2. Lieber Micha,

    wenn das geschieht – dass durch die Texte ein Einblick gewährt wird, wie sich manches im Einzelnen darstellt und anfühlt, was abseits mancher („mancher“!) plakativ auf „Drama“-gebürsteten TV-Reportagen existiert und geschieht – bin ich glücklich.
    Natürlich haben die Dokus ihre eigene Berechtigung. Es gibt sie ja nicht grundlos.
    Aber es gibt eben auch viele Nuancen, Komponenten, Faktoren, die darin nicht zur Sprache kommen. Die dadurch nicht im öffentlichen Bewusstsein ankommen. Und wenn durch diese Theater-Berichterstattung zumindest ein paar der Klischees aufgebrochen werden können, wenn der eine oder andere erkennt, dass….. (kann ich jetzt nicht im Einzelnen aufzählen, aber ein Beispiel: „…. wie fit im Kopf zum Beispiel Smirki ist“), dann existiert an dieser Stelle zumindest der Versuch einer Ergänzung.
    Und natürlich freue ich mich riesig, wenn es dann auch noch gelesen wird :-)

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