Vielleicht kurz, aber bestimmt nicht schmerzlos

12 Jugendliche standen heute 7 Erwachsenen und 1 Hund gegenüber. Das Personal hatte sich aufgestockt, um einer möglicherweise ausufernden Party-Stimmung gewachsen zu sein. Zusätzlich war eine  Sponsorin anwesend. Und in der Pause gab es einen Schock.

Ich kannte nur die wenigsten Teilnehmer und wollte mich erst in Fremdeln ergehen, merkte dann aber schnell, dass die rasant gewachsene Truppe gut ist, nach vorn geht. Außerdem: Je mehr Darsteller, desto besser.

Die Probe verlief straffer und leiser. Das Geschirrklappern war erträglich und den Gesprächen auf der Reservebank wurde weitgehend Einhalt geboten.  Ein paar Kids waren betankt, eines war deswegen nicht einsatzfähig. Ein anderes stänkerte permanent herum und war zu nichts zu gebrauchen. Aber der Rest hat mitgemacht.

Was wurde geprobt? Ach…. So dies und das…. Neue Szenen, alte Szenen. Ich könnt‘ jetzt noch viel mehr erzählen. Ins Detail gehen. Aber mein Fokus liegt gerade woanders. Und zwar dort:

Margareta erzählte in der Pause, dass einer unserer wichtigsten Darsteller von Abschiebung ins Gefängnis seines ‚Heimatlandes‘ bedroht sei. (Also ist es eher eine Rückführung)
„Oh Gott“, sagte ich. „Wann denn? Gibt’s dafür einen Termin?“
„Das kann jederzeit passieren“, antwortete sie. „Einen Tag vor der Aufführung, am Tag der Aufführung – oder morgen.“
Grund: kleine Delikte.

Es ist schon seltsam, wie sich der Blick verändert.
Wenn man in der Zeitung liest, halt so liest, dass ein Jugendlicher in Sonstwohausen jemandem die Nase zerschmettert hat, denkt man bisweilen: „Hat vielleicht einen traurigen Hintergrund, aber: Scheißgör. Was soll der Mist. Hoffentlich passiert mir das nie und auch meinen Lieben nicht und überhaupt bitte fortan niemandem mehr.“
Aber wenn man jemanden kennenlernt, den man mag, den man in seiner jugendlichen Verspieltheit wahrnimmt, mit dem man über Scherze lacht, der mit dem Hund „Gib mir Fünf!“ übt,  ihn streichelt, wenn man sieht, wie ihm etwas peinlich ist, er deswegen rot anläuft, wenn man merkt, dass er einfühlsam ist und ‚korrekt‘, dass er zuhört und nachdenkt, intelligente Anmerkungen macht, wenn man schon einige Male überlegt hat, wie man ihn künftig fördern könnte, weil er so viel Potenzial hat, dann will man nicht, dass er abgeschoben wird, dann will man ihn fragen, warum was passiert ist, mit ihm durchdenken, wie was besser gemacht werden könnte, gerade dann, wenn man die Gründe für seine Tat tatsächlich nachvollziehbar findet, dann hat man ihn ins Herz geschlossen und will Chancen für ihn, Chancen, wirkliche Chancen, und muss sich während der Probe drei-, viermal mit einem Kloß im Hals abwenden und seinem Blick ausweichen, um nicht zu heulen anzufangen.

Christine Brügge

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