3 Fragen an… Ulrich Allroggen

Wir haben die Rolle einer drogenabhängigen Schauspielerin im Stück. Und überhaupt – Kunst und Konsumieren – das ist so ein Thema für sich. Die prominentesten Beispiele kennt man durch öffentliche Abstürze aus der Presse, aber ansonsten erfährt man wenig darüber. Auch das ist Woyzeck.

Also habe ich den Schauspieler, Sänger und Musical-Darsteller Ulrich Allroggen befragt. Der langjährige Darsteller stand unter anderem für Produktionen wie „Mozart!“, „Mamma Mia“, „Rocky Horror Show“, „Les Miserables“ und „Ich war noch niemals in New York“ auf der Bühne, verkörperte für SAT 1 verschiedene Bösewichte bei „Strafgerichte“, und unterrichtet Liedinterpretation.

In einem so ehrlichen wie tiefgründigen Interview gibt er für das Theaterprojekt der KuB, das er als „tolles Projekt“ bezeichnet, ausführlich Einblicke in die Gefühlswelten von Schauspielern und wie man es schaffen kann, nicht den Drogen zu verfallen – oder sie hinter sich zu lassen.

Lieber Ulrich Allroggen,
Sie kennen es nur allzugut, dass ein Schauspieler in Gefühlszustände gerät, die dem „Normalbürger“ eher nicht so vertraut sind. Warum ist das so?

Ich denke, als „Normalbürger“, die wir ja auch sind, wenn wir nicht auf der Bühne stehen, haben wir bestimmte Bahnen, in denen wir uns bewegen. Diese Bahnen sind bestimmt von bewussten und unbewussten Entscheidungen, die unser Leben, unsere ganz eigene Persönlichkeit ausmachen. Wir haben bestimmte Ängste und bestimmte Fähigkeiten, die uns zu einer unverwechselbaren Person werden lassen.

Diese Entscheidungen sind für mich wie ein Energiefeld, in dem wir uns bewegen und sogar unser Körper und unsere Bewegungen „gehorchen“ diesem Energiefeld. Wenn wir uns jetzt auf eine Rolle einlassen, dann verlassen wir diese gewohnten Bahnen und probieren Sachen aus – Denkweisen, Bewegungen, Gefühle – die zu unserem normalen Leben nicht dazu gehören. Und dann breitet sich ein Gefühl der Freiheit und der Neuerung in uns aus, das irgendwie zurückwirkt auf unser Leben abseits der Bühne. Das kann uns bereichern, das kann uns aber auch beängstigen. Und es kann dazu führen, dass wir auf einmal auch in unserem privaten Leben ganz neue Bahnen gehen wollen.

In diesem Prozess steckt ein bisschen Wahrheit und ein bisschen Illusion. Je häufiger man diesen Prozess erlebt, desto mehr lernt man, sich auf das Neue, das Freie einzulassen und es nach den Proben oder nach der Vorstellung wieder abzulegen. Manche Darsteller wollen das aber auch gar nicht ablegen. Für manche Menschen ist jede neue Rolle ein Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt und dann wird ein Teil des „Alten“ auch tatsächlich abgeschnitten.

Wenn man sich in einem Probenprozess befindet, dann erlebt man diese unglaubliche Veränderung zusammen mit einer Gruppe anderer Menschen, die eine ähnliche Veränderung in sich erleben und die Dynamik in so einer Gruppe potenziert die Energie der Unruhe, des Suchens, des Loslassens. Sie potenziert auch die Energie der Illusion. Nicht umsonst galten früher die Schauspieler als ‚Fahrendes Volk‘ und wenn die Theatergruppe in die Stadt kam, wurde die Wäsche von der Leine genommen, weil man diesen Umherziehenden nicht traute. Was haben die schon für Wertmaßstäbe? Kann man denen irgendwas glauben?

Ich erlebe das bis heute: Wenn ich mit Menschen zusammen komme, die nicht im Theater arbeiten und wir unterhalten uns eine Weile ganz normal und dann fällt irgendwann der Satz: „Ich bin Schauspieler“. Plötzlich ändert sich die Art, wie die Menschen mich angucken. Da entsteht ein Abstand, eine Mischung aus Bewunderung und Misstrauen. Und es dauert eine ganze Weile, bis dieses Abstand nehmen sich wieder gibt und ich wieder ein ganz normaler Mensch sein kann, der eben einen ungewöhnlichen Beruf hat. Aber zum Scheißen gehe ich eben auch aufs Klo. :-)

Wie schafft man es, diese Energien in konstruktive Bahnen zu lenken?

Zu allererst, denke ich, muss man sich entscheiden, ob man diese Energien in konstruktive Bahnen lenken möchte.

Ich kenne hervorragende Schauspieler, die als Menschen fürchterlich sind. Manche Menschen entscheiden sich, für die künstlerische Freiheit alle Bedenken fahren zu lassen. Mein persönliches Ziel ist es, sowohl als Schauspieler wie auch als Mensch immer besser zu werden. Ich möchte auf der Bühne Mut machen können, Freiheitsliebe vermitteln, Freude spenden, Trauer spürbar machen, Ablenkung liefern und wieder ins Leben zurück führen können. UND ich möchte als Mensch ständig weiter wachsen.

Ich möchte, dass sich beide Welten in meinem Leben ergänzen und gegenseitig bereichern. Ich möchte, dass man auf der Bühne spürt, wie sehr ich meine Kinder liebe, auch wenn ich vielleicht ein großes Arschloch spiele. Weil auch ein großes Arschloch irgendwo in sich die Liebe hat und vielleicht bekämpft oder nicht ertragen kann oder unterdrückt oder mit Wut überdeckt. Aber ein großes Arschloch ohne diesen Konflikt mit der eigenen Liebesfähigkeit ist eindimensional. Finde ich.

Ich möchte Menschen darstellen und dazu gehört, dass ich die Rollen, die ich spiele, als Menschen sehe und nicht nur als Karikaturen von Menschen, als Ausschnitte. Menschen haben Konflikte – mit sich selbst, mit der Art, wie sie auf andere wirken, mit Freunden, mit Eltern, mit Kindern, mit Partnern. Und all diese Konflikte gehören dazu. Wenn ich im privaten Leben meine Konflikte ausblende, weil es auf der Bühne gerade so gut läuft, dann werden auch meine Rollen fade.

Diese Welten können sich gegenseitig bereichern, wenn ich auf der Suche bleibe, die Illusionen des Lebens zu erkennen und zu überwinden. Ich möchte das Leben sehen lernen, wie es wirklich ist. Möchte es auf eine Art zeigen können, dass es die Zuschauer nicht verschreckt, sondern ihnen Kraft gibt, einen Schritt weiter zu kommen mit ihrem Leben. Diese Zielsetzung hilft mir dabei, die manchmal verwirrenden Energien des Theaters produktiv zu nutzen. Ich versuche immer daran zu denken, dass ich für die Menschen spiele, die das Stück zum ersten Mal sehen.
Und ich versuche, mit der Kritik meiner Freunde umzugehen, auch wenn ich sie manchmal zuerst doof oder unpassend oder ahnungslos finde.

Und was ist mit Drogen?

Ganz sicher gibt es im Bereich der Bühnenkünstler eine große Versuchung, die Performance durch Mittelchen verschiedener Art noch aufregender, packender, konzentrierter oder einfach geiler zu machen. Oder nach der Show das Gefühl, „jetzt hab ich mir aber zum Feierabend was Gutes zum Entspannen verdient.“
Ich habe da direkt zu Beginn meiner Bühnenlaufbahn eine Erfahrung gemacht, die mich im wahrsten Sinne des Wortes ernüchtert hat.

Mein erstes bezahltes Engagement war im Theater für Kinder. Wir haben zwanzig Vorstellungen die Woche gehabt, weil es Vorweihnachtszeit war und oft begann der Tag mit einem „Piccolo“. Ich war jung und unerfahren und 90 Prozent der Kollegen waren alt und großartig auf der Bühne. Also hab ich da eine zeitlang mitgemacht.
Bald habe ich aber gemerkt, dass die großen Kollegen sehr traurig waren und wenig Selbstachtung hatten. Die Vorstellungen wurden immer anstrengender, je weiter die Spielzeit voranschritt. Bald gab es am Tag nichts mehr als Theater und den Absacker danach. Weil man es sich ja verdient hatte.

Weil ich jung und idealistisch war, hab ich irgendwann aufgehört, mitzutrinken. Ich wollte nicht alt, traurig und zynisch werden. Dann kam ganz viel Respekt und Unterstützung von den älteren Kollegen und erst dann begannen echte Gespräche, die über Theater und „heute ist das Publikum aber nicht doll“ hinausgingen.
Da habe ich mir versprochen, dass ich nicht wieder betrunken spielen möchte und das hab ich bis heute durchgezogen.

Trotzdem hatte ich danach eine lange Phase, in der ich fast täglich gekifft habe. Dazu kam die Band, in der ich damals sang und die Musikszene, in der ich mich dadurch bewegte. Da gehörte das eben dazu. Nach fast fünf Jahren habe ich gemerkt, dass ich eine Persönlichkeit habe, die zur Abhängigkeit neigt. Aber ich habe auch einen Geist, der sich nach Freiheit sehnt. Ich habe gemerkt: Das Kiffen führt bei mir dazu, dass die Träume immer größer, aber die Umsetzungskraft immer kleiner wird.

Ungefähr zur selben Zeit fing ich an, mich ernsthaft mit Buddhismus auseinander zu setzen. Darüber ist mir klar geworden, dass ich mich zwischen zwei Seelenzuständen bewegte. Das eine, Erstrebenswerte, war die Welt des Entzückens. Es gab für mich nichts Schöneres, als bei einem Konzert oder einer Probe voll „in der Musik“ zu sein. Mit dem Song zu verschmelzen. Dieses Gefühl des Verschmelzens habe ich in allen Bereichen meines Lebens gesucht, nicht nur in der Musik oder auf der Bühne.

Der andere Seelenzustand war die Welt des Hungers. Ein starkes Gefühl von innerer Suche, Unerfülltsein. Verzweifelter Sehnsucht nach Leben. Und die Gier nach totalem Leben war genauso quälend wie die wenigen Momente der Erfüllung schön waren. Irgendwie haben sich diese beiden Zustände gegenseitig bedingt und ich habe nicht den Schalter gefunden, mit dem ich vom einen zum anderen umschalten konnte. Zumindest nicht verlässlich. Der chemische Aufwand für den Wechsel vom einen Zustand zum anderen wurde immer größer aber der Erfolg immer unsicherer.

Bis ich irgendwann gemerkt habe: Die Abhängigkeit ist wie ein fester Glaube, dass ich etwas von außen brauche, um komplett glücklich zu sein. Dass ich mir nicht zutraue, das Glück aus mir selbst hervor zu bringen. Dass ich nicht daran glaube, dass die Quelle des Glücks in mir selbst existiert. Gegen diese Illusion und die Gewohnheiten, die daraus entstanden waren, anzukämpfen, war meine größte Auseinandersetzung.

Zum Glück hatte ich so viele positive Einflüsse in meinem Leben, dass ich dieses Grundgefühl zu mir selbst langsam drehen konnte. Meine Fähigkeit, Glück zu empfinden und in mir zu bewahren, war brüchig geworden wie ein rissiger Topf.
Dazu habe ich ein Bild:

In meiner Jugend lebte in meiner Nachbarschaft ein Töpfer. Wenn der ein Gefäß zu heiß gebrannt hatte, so dass kleine Risse in seiner Struktur entstanden waren und es keine Flüssigkeit mehr halten konnte, dann hat er diesen Topf über Wochen immer wieder mit Milch gefüllt, die immer wieder durchgelaufen ist. Jeden Tag hat er wieder neue Milch reingefüllt, bis nach und nach der Kalk in der Milch diese feinen Risse von innen heraus geschlossen hat. Bis schließlich dieser Topf wieder ganz dicht war und jede Flüssigkeit in sich halten konnte.

So erging es mir mit meiner Kapazität, Glück zu speichern und zu bewahren. Die Milch war für mich die buddhistische Praxis. Nach und nach und immer wieder die wunderbare kreative Kraft des Lebens in mir anzusammeln und wegrinnen zu sehen und wieder anzusammeln. Bis schließlich die kleinen Risse gefüllt waren mit den unsichtbaren Rückständen des Glücks.

Vielleicht klingt das doof, aber besser kann ich es nicht beschreiben.
Die letzten Jahre habe ich viel Musical gespielt und auch da hatte ich das Glück des guten Einflusses. Ich habe über Jahre hinweg 8 Vorstellungen die Woche gespielt und da muss man einfach auf sich achten und lernen, wie man seine Energien einteilt. Welche Phasen der Regeneration der Körper braucht und welches Maß an Verrücktheit ich mir außerhalb des Theaters „erlauben“ kann.
Ich bin noch lange nicht fertig damit. Ich bin noch lange nicht so diszipliniert und vernünftig, wie ich es für noch größere Rollen sein müsste. Aber ich habe Vorbilder gefunden. Menschen, die die Auseinandersetzung mit ihren Extremen so mit sich selbst ausmachen, dass sie auf der Bühne komplett aus sich herausgehen und hinter der Bühne warmherzig und aufmerksam sein können.

Ein ganz großer Dank für dieses Interview!

Christine Brügge

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