Schritt für Schritt für Schritt

Margareta beginnt nun mit dem Feilen. Die großen Abläufe sind eingeübt, die Rollen sind weitgehend verteilt – und bleiben hoffentlich derart bestehen. Wenn neue Teilnehmer hinzukommen, ist es kein Problem, aber das Wegbrechen momentan tragender Darsteller könnte eines werden.

Walter ist wieder aufgetaucht. Der Hüne, der ein bisschen wie ein Oberschüler aussieht, gleichzeitig so etwas Klitschkomäßiges hat, von dessen natürlicher Präsenz Margareta so ungemein begeistert ist: „Du brauchst da nur zu stehen und füllst den Saal – Waaaaaahnsinn!“ Da das aber doch nicht so ganz reicht, nur da zu stehen und zwar den Saal damit zu füllen, nach zirka zehn Minuten aber garantiert auch wieder zu leeren, muss nun auch Walter am Finetuning arbeiten.
Aber – das wird.
Immerhin.
Der ist plietsch.
Der kann sich alles besser merken, als ich es mir.
Womit ich nochmal zu Martin komme. Der den gesamten Text des gesamten Stückes drauf hat.

Auch das ist eine Sache, die mich immer wieder umhaut: Da denkt man zunächst, dass die Jugendlichen vielleicht auch kraft von Drogen so ein wenig verspult seien. Und viele Kandidaten sind es tatsächlich. Aber manche wirken erst so und dann machen sie den Mund auf und dann kippt man hintenüber, was da heraus kommt. Nicht immer in wahnsinnseleganten Sätzen – aber inhaltlich! – inhaltlich ist es mitunter bemerkenswert. Da schauen Margareta und ich uns immer wieder an und brechen in helles Gelächter aus oder nicken. Da macht Anton „den Normalbürger“ nach, könnte Stand Up Comedian sein, erinnert mich immer wieder an Kaya Yanar von „Was guckst du?“ (so dass ich ihm hiermit den Spitznamen „Was KuBst du?“ verleihe), und ich denke bei mir: „Den müsste jemand entdecken – Waaaaahnsinn.“ Da sitzen die Kids am Tisch und variieren im Gruppengespräch Stereotype und wenn man den unbrauchbaren Quatsch wegstreicht, bleibt wertvoller Quatsch übrig, für den sich jede Satire-Redaktion freudestrahlend bedanken würde. Und das ist nicht übertrieben! Keine Hochstilisierung, um dramaturgisch anzuheben.

Wobei ich leider die Befürchtung habe, dass mir die Kids diesen Impuls unterstellen, wenn ich lobe. Genau so gut kann es aber auch sein, dass sie einfach nicht wissen, ob und wie sie es annehmen können. Ob sie es wirklich glauben dürfen.

Natürlich ist es nicht so, dass eine Veranlagung insofern reicht, als dass wir rufen könnten: „Wir haben hier ein paar Genies anzubieten, wer will und hat noch nicht ?!“ Eine Veranlagung reicht ja nie aus. Sie ist nur das Potential, aus dem man etwas machen kann und machen muss, um vielleicht dort anzukommen, wo man gerne wäre. (Falls man das möchte….) Das Potential sind 50 Prozent und das Ausbauen sind ebenfalls 50. In diesem Zusammenhang fällt mir Gary ein.
Gary war im letzten Jahr ein Hauptdarsteller.
Ich kenne Gary nicht.
Ich kenne Gary nur durch Roberts und Margaretas Erzählungen und von Fotos. Habe gehört, dass er a) so begabt sein soll, dass Margareta kürzlich seufzte, sie würde ihn lieben, weil er so talentiert sei. B) erfuhr ich, dass er in diesem Jahr mehrere Anläufe unternommen hat, auch diesmal wieder dabei zu sein. Aber er darf nicht partizipieren. Ist zu alt.
Als ich ihn auf Fotos gesehen habe, war auch mir sofort klar, dass der Typ das gewisse Etwas hat. Was für eine Ausdruckskraft – Waaaahnsinn.
Ich finde das tragisch.
Mir vorzustellen, wie er immer und immer wieder abgewiesen wird. Obwohl er doch so gerne möchte.
Ich finde aber auch, dass er nicht bei dem Theaterprojekt von KuB noch und nöcher aufschlagen sollte – sondern seinen Weg gehen! Sich anderswo bewerben! Im Außen! Zu einem Casting gehen! Schritt für Schritt für Schritt.

Auch das ist Feinarbeit, die in Wahrheit große Arbeit ist, oder?
Zu merken, zu glauben, dass man weiter gehen kann. Schritt für Schritt für Schritt.

Und wenn man mal bedenkt, wie schwer genau das sogar Menschen fällt, die die besten Voraussetzungen haben, wie sehr sich Otto Normalverbraucher bereits damit abquält, darf man höchsten Respekt vor Menschen haben, die …. ich sag’s mal salopp…. beschissene Bedingungen haben.

Christine Brügge

P.S.: Ich hoffe, es klingt nicht so, als würde KuB „Superstars“ züchten wollen. Was ich hier schreibe, ist nur mein persönlicher Blickwinkel. Und die Probleme, mit denen die Mitarbeiter täglich am Bus, im Sleep In usw zu kämpfen haben, liegen weit ab von dem, was ich hier beschreibe. Denn die „Theaterkids“ sind diejenigen, die bereits den Weg zu den Proben gefunden haben.
Und abgesehen vom Schauspiel-Fokus freue ich mich über jeden, der einfach beschließt, konstruktive Schritte zu unternehmen… für sein Leben zu kämpfen… Eine Form kann beispielsweise sein, den Griffel in die Hand zu nehmen, sich an die Tastatur zu setzen und zu schreiben zu beginnen… Aber auch Heizungsmonteur oder Koch oder Verkäufer sind gleichwertige Optionen… Kartenabreißer, Teppichsauger – am Ende ist es egal, wie viel Knete man gemacht hat, es zählt nur, wie „wertvoll“ das eigene Leben ist und „Wert“ bemisst sich nicht an einer Karriere – nicht an einer Hierarchie.

P.P.S.: Wie immer habe ich Decknamen vergeben, da KuB den Jugendlichen Anonymität zusichert und Vertrauen das oberste Gebot ist.

P.P.P.S.: Die Veröffentlichung von u.a. Bildern ist mit den betreffenden Kids abgesprochen.

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